Hintergrundbericht zu den Dreharbeiten zu Sharkwater

Rob Steward

Hintergrundbericht zu den Dreharbeiten zu Sharkwater (Teil 2)


SHARKWATER - Wenn Haie sterben (Teil 1)

München, Deutschland (28.04.2008) - Lange Zeit haben Haie beim Menschen vor allem Feindseligkeit und Angst hervorgerufen. Zahllose Bücher, Filme und sensationslüsterne Schlagzeilen haben den Eindruck verfestigt, dass schon der Begriff „Hai“ untrennbar verbunden ist mit den Bildern von heimtückischen Angriffen alles meuchelnder Killermaschinen. „In Wirklichkeit haben Haie mehr Grund, uns zu fürchten, als wir sie“, sagt Filmemacher Rob Stewart, der Jahre damit zubrachte, Hunderte von Stunden Filmmaterial auszuwerten, um die skeptische Öffentlichkeit von dieser Behauptung zu überzeugen.

Der in Toronto geborene Stewart, ein erfahrener Taucher und Unterwasser-Fotograf, hat Mitglieder der Sea Shepherd Conservation Society (SSCS) aus Los Angeles während einer vier Monate langen Expedition auf der „Ocean Warrior“ begleitet, um das Abschlachten von Haien in Costa Rica und Equador zu verhindern. Die beste Gelegenheit, einen Dokumentarfilm über das Verhältnis zwischen Haien und Menschen zu beginnen, dachte er. Zum Teil lebensbedrohliche Ereignisse wie Seeschlachten mit Fischerei-Piraten, Havarien, Gefängnisaufenthalte, Spionage, Korruption und Erpressung waren die letzten Dinge, mit denen Stewart auf dieser Reise gerechnet hatte, die schließlich zu diesem ungewöhnlichen und entlarvenden Film führte.



Sein Leben lang faszinierten ihn die Haie. Schon als Achtjähriger, beim Tauchen auf den Cayman Islands, wurde Stewarts Traum wahr: Als er um die Ecke eines Riffs schwamm, sah er seinen erste Hai aus der Nähe. „Ich war erstaunt, weil es so toll war, etwas so Großes und so Starkes und so Perfektes zu sehen“, erinnert sich Stewart. Während ausgiebiger Studien lernte er, dass Haie die Entwicklung der Meereslebewesen mitgestaltet haben, indem sie Verhalten, Tarnung, Geschwindigkeit, Größe und Kommunikation schulten. Im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung von Haien als willkürlich und grundlos angreifende Raubfische, sind sie seit mehr als 400 Millionen Jahren ein wesentlicher Bestandteil des Lebens im Ozean.

Obwohl sie inzwischen länger auf der Erde existieren als jede andere Kreatur dieser Größe, könnte ihre Population bald in Gänze ausgerottet sein. „Niemand will die Haie retten – alle retten gerne Pandas oder Elefanten, aber jeder fürchtet sich vor Haien.“ Stewarts ursprüngliche Idee war es, einen wunderschönen Unterwasserfilm über Haie zu drehen, der jedoch bald zu einer menschlichen Tragödie wurde.

Enttäuscht von den weit verbreiteten Missverständnissen rund um Haie und mit der Absicht, sie zu klären, trat Stewart seine Reise an: „Ich arbeitete als Wildnis-Fotograf und hatte bereits einige Artikel darüber veröffentlicht, was den Haien rund um die Galapagos-Inseln zustößt. Ich hatte herausgefunden, dass dort illegal Haie gefangen wurden. Wir gründeten eine Stiftung, an die Leute, die meine Artikel gelesen hatten und helfen wollten, Geld spenden konnten, um ein Patrouillenboot vor den Galapagos- Inseln zu finanzieren. Wir haben praktisch nichts eingenommen, und ich habe daraus gelernt, dass es bessere Möglichkeiten gibt, die Menschen zu erreichen. Print war einfach nicht das passende Medium, und so entschied ich mich dafür, einen Film zu drehen.“

Im April 2002 traf Stewart den weltbekannten Naturschützer Paul Watson von der Sea Shepherd Conservation Society (SSCS). Gemeinsam traten sie zu einer Exkursion mit der „Ocean Warrior“ an. Sie folgten einer Einladung der Costa Ricanischen Regierung, die dortigen Gewässer rund um Cocos Island zu überwachen. Stewart nahm an, dort könne er endlich spektakuläre Unterwasseraufnahmen von Haien machen. Keiner ahnte, dass sie in eine Situation geraten würden, in der auch wirklich alles schief gehen würde, was nur schief gehen konnte.

Zusätzlich zu den üblichen Schwierigkeiten, die sich einem Regisseur beim Debütfilm so stellen können, fand sich Stewart in Situationen wieder, die auch einen erfahrenen Dokumentarfilmer an den Rand der Verzweiflung getrieben hätten. Stewart erinnert sich: „Auf dem Weg nach Cocos Island fingen wir die ,Varadero‘ ab, ein Fischerboot, das unerlaubterweise vor der Küste Guatemalas Langleinenfang praktizierte.“ Dieser Vorfall brachte eine vollkommen neue Richtung in den gesamten Film. Er erklärt: „Ich kam den gesamten ersten Monat kein einziges Mal ins Wasser, also lösten sich meine Unterwasserfilm-Träume langsam auf. Bis ich erkannte, dass diese Vorfälle wirklich eine absolut unglaubliche Geschichte waren, und ich entschied, meinen Film einfach darüber zu drehen.“

Der Fokus des Films hatte sich also verändert und damit hatte sich auch das Risiko erheblich erhöht. Haie werden ihrer Flossen wegen gefangen. Auch wenn manche Länder das so genannte Shark Finning, dieses Fangen und Töten der Flossen wegen, mittlerweile verboten haben, ist es für sehr viele immer noch ein enorm profitables Geschäft, Haie grausam abzuschlachten. Ein Pfund getrocknete Haiflosse kann Preise von 300 US-Dollar oder mehr erzielen. In Asien gilt Haifischsuppe als Delikatesse, und aus diesem Bedarf hat sich inzwischen eine weltweite, millionenschwere Industrie entwickelt. Dafür werden pro Jahr mehr als 100 Millionen Haie getötet. Der Vorgang des Finning bedeutet, dass dem Hai die Flossen abgeschnitten werden. Anschließend wirft man den sterbenden Fisch einfach wieder über Bord und verschwendet damit 95 Prozent des Tieres.

„Als wir in Costa Rica eintrafen, klagte man die ,Ocean Warrior‘ in sieben Fällen des versuchten Mordes an, wegen der Auseinandersetzung mit der ,Varadero‘. Und das, obwohl uns der Präsident des Landes eingeladen hatte“, bemerkt Stewart. „Jeder von uns wunderte sich, warum uns plötzlich das gesamte Justizsystem des Landes angriff und darüber das illegale Fischerboot vollkommen vergaß. Aber auch an Land hatten wir genügend Möglichkeiten, mehr über das Shark Finning herauszufinden.“

Rob Steward bei den Dreharbeiten zu SharkwaterRob Steward bei den Dreharbeiten zu Sharkwater
Stewart erfuhr, dass Costa Ricanische Flossen überall in ganz Asien erhältlich sind, obwohl das Finning in Costa Rica offiziell verboten ist. Ausführliche Recherchen deckten eine Verbindung zwischen der taiwanesischen Mafia und den Haiflossen-Lieferungen auf. Mit Hilfe eines Kenners der Szene machte sich Stewart inkognito daran, die Hai-Fischereien in Costa Rica genauer unter die Lupe zu nehmen. Er fand heraus, dass entlang der gesamten Küste illegal Shark Finning betrieben wurde. „Es stecken Millionen Dollar in diesen Dutzenden von illegalen Fischzügen, die von den Behörden gerne ignoriert werden“, erklärt Stewart. „Nachdem wir mit Waffen eingeschüchtert und massiv bedroht wurden, hat unser Führer endlich zugegeben, dass die ,Shark Fin Mafia‘ uns bereits auf dem Kieker hatte und es keine sehr gute Idee war, sich noch in der Stadt sehen zu lassen.“

Nach wochenlanger Verzögerung durch die Mordanklagen in Costa Rica kamen Stewart und die Besatzung der „Ocean Warrior“ endlich auf freien Fuß. Um zu verhindern, dass ihr Boot noch einmal ohne jeden Grund von der Küstenwache geentert werden konnte, wickelten sie Stacheldraht um das gesamte Schiff, und flüchteten sich in internationale Gewässer. Nur knapp einer Haftstrafe entgangen, brachen sie auf zu den Galapagos-Inseln. Die Verwaltung des National Parks hatte sie eingeladen, das dortige Meeresschutzgebiet vor illegalen Fischern zu schützen.

Aber Waffen und Haiflossen-Jäger waren nur zwei der vielen Gefahren, die auf Stewart warteten. Obwohl ihm nicht klar ist, wie er sich angesteckt hatte, wurde der Regisseur auf einmal schwer krank. Er litt an einer so genannten „Fleisch fressenden Krankheit“ und musste lange Zeit befürchten, sein Bein, wenn nicht gar sein Leben zu verlieren. In diesem Moment war sich der sonst so optimistische Filmemacher zum ersten Mal nicht mehr sicher, ob dieses Projekt jemals beendet werden würde.

„Das war der absolute Tiefpunkt. Einfach alles war schief gegangen. Wir sind praktisch aus allen Ländern vertrieben worden, in denen wir vorher gearbeitet hatten. Wenn wir nach Costa Rica zurückfahren würden, hätte man mich sofort eingesperrt. Und abgesehen davon hatte ich noch keine einzige Unterwasseraufnahme. Ich wollte eine Unterwasser-Doku drehen, und heraus kam ein menschliches Drama. Und jetzt würde ich auch noch ein Bein verlieren, vielleicht sogar mein Leben. Die Situation war schrecklich und verfahren. Ich hatte bisher nicht den Film gedreht, den ich geplant hatte, oder auch nur Zeit unter Wasser mit den Haien verbracht. Es lag noch so viel Arbeit vor mir, aber es wäre komplett verrückt gewesen, jetzt aufzugeben. Also blieb ich eine Woche im Krankenhaus, und glücklicherweise verschwand die Infektion tatsächlich und ich machte einfach weiter“, fügt Stewart an. „Ich hatte wahnsinniges Glück.“

Nachdem er so weit gekommen war, bestand für Stewart keinerlei Zweifel. Er musste einfach weitermachen. „Ich musste unbedingt zurück nach Costa Rica und dort auf irgendeine Weise das Shark Finning verhindern.“ Obwohl er wusste, dass man ihn dort sofort verhaften würde, schlich er sich in einem Reisebus wieder ins Land. Aber was er dort sah, war weit von dem entfernt, was er erwartet hatte. Die Einheimischen hatten mittlerweile begonnen, sich für die Belange der Haie einzusetzen und protestierten gegen das illegale Fischen von Haien.

Stewart kehrte nach Kanada zurück, um dort endlich mit dem Schnitt für seinen Film anzufangen. Aber bevor er mit der Arbeit wirklich vorangekommen war, musste er sich von den vielen Krankheiten erholen, mit denen er sich während des Shootings angesteckt hatte: Dengue-Fieber, West Nil-Virus und Tuberkulose zur gleichen Zeit ließen Stewart eine ganze Weile lang keine Energie mehr für eine ernsthafte Beschäftigung mit SHARKWATER.

„Ein ganzes Jahr lang habe ich gekämpft und mich anschließend auf kleinen Reisen ausschließlich erholen müssen, bis es mir endlich wieder besser ging. In dieser Phase entstand das genaue Konzept und die jetzige Struktur von SHARKWATER.“

Die folgenden vier Jahre verbrachte Stewart ausschließlich mit seinem Projekt. Er drehte über 400 Stunden Material, in 15 verschiedenen Ländern, und fing gleichzeitig auch schon mit dem Schnitt an. „Ich musste wirklich erst alles über das Filmemachen lernen, deswegen war mein täglicher Lerneffekt wahnsinnig hoch.“

Trotz der zahlreichen Herausforderungen, gelang es Stewart, seine außergewöhnlichen Aufnahmen der Unterwasserwelt mit einem beeindruckenden Original-Soundtrack von Jeff Rona (featuring Moby, Nina Simone, Portishead, Aphex Twin und andere) und mit den Interviews renommierter Experten zu
kombinieren.














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